
Auf folgendem Link kann man das Bild jedoch sehen: http://www.msnbc.msn.com/id/8959820
2.6.2011 – ein Gastbeitrag von Herbert Friedrich Witzel
Fangen wir gleich mit dem Schlimmsten an, nämlich damit, daß Thilo Sarrazin die gewachsene Volksweisheit: „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“, nicht politikwissenschaftlich korrekt interpretierte. Ob Doofheit angelernt ist oder vererbt wird, das weiß nämlich keiner so genau. Vor allen Dingen aber redete Sarrazin, horribile dictu, von den falschen Dumpfbacken, von Tabudoofen sozusagen, die nicht angetastet werden dürfen. Dieser Lapsus kam gut zupaß, weil bei den übrigen 459 Seiten von „Deutschland schafft sich ab“ der halbe reifere akademische Mittelstand schon Gänsehäute vor Angst bekommen hat, seine Pfründen in den Quartiersmanagementern, sozialpädagogischen Erste-Hilfe-Stationen und integrationsbegleitenden durchfinanzierten Maßnahmen zu verlieren. Daß die Quartiersmanager und ihre Hiwis mit einem erfolgreichen Vorgehen gegen Ali Baba und die 40 Intensivtäter in den Problemparzellen des Stadtplans ihre eigenen Arbeitsplätze kaputtmachen, kann ja wohl niemand im Ernst von ihnen verlangen. Wo sollen sie selber sonst hin, diese armen Menschenkinder mit ihren abgeschlossen Studiengängen in Politologie, Soziologie, Diplompädagogik und dergleichen?
Also rief Sarrazins Buch folgerichtig die Volksfront gegen Populismus aufs Feld. Auch der hervorragend integrierte Alternativ-Türke Cem Özdemir will, wenn das Feindbild stimmt, als wackerer Schwabe bei einer solchen Hasenjagd natürlich nicht abseits stehen und den „statistischen Ausreißer“ mimen, sondern muß in der F.A.Z. vom 27. Mai noch einmal nachtreten. Er selber hat sich zwar dito schon einiges Fehlverhalten geleistet, das wir hier höflich gedeckelt lassen und nicht wieder aufkochen wollen — es hat immerhin dazu geführt, daß er sein Amt bei der Fraktion Bündnis 90/die Grünen und das Bundestagsmandat zwecks Schadensbegrenzung niederlegte. Doch was ein strahlender Jupiter wie Özdemir darf, nämlich Fehler machen, das darf ein glanzloser Zugochs wie der erfolgreiche Finanz- und Bankenfachmann Sarrazin in seinem Sachbuch-Bestseller noch lange nicht. Immerhin macht er sich gut als Bezugspunkt, weil die Sarrazin-Debatte etwas bekannter geworden ist als die Özdemir-Debatte. „Auch Muslime fragen“, schreibt Özdemir. Das freut mich als Neuköllner ALDI-Kunden, wenn sie jetzt nicht mehr einfach die Verpackungen aufreißen, sondern auch schon mal fragen, was drin ist. „Wenn das im Juli 2006 verübte Kofferbomben-Attentat in Nordrhein-Westfalen nicht fehlgeschlagen wäre“, fährt er fort, „wären auch ihre Kinder getötet worden — und die Sarrazin-Debatte wohl ein laues Lüftchen im Vergleich zu dem, was dann passier wäre.“ Er muß es ja wissen. Da keine muslimischen Kinder getötet worden sind bei den Terror-Anschlägen in USA und Spanien, hielt sich diesbezüglich der Empörungssturm in den Grenzen von Windstärke Null.
Wenigstens läßt Özdemir sich zu einer in diesem Zusammenhang wohl für ihn sehr lustigen Anekdote hinreißen von wegen: „Welches Schweinderl hätten S’ denn gern?“ und dem erfundenen Gerücht eines Sparschweinverbots bei britischen Banken. Wirklich echt witzig angesichts der Opfer, die nicht mehr mitlachen können. Noch so einen Gag und wir haben genug Stoff fürn Bunten Abend unter dem Motto: „Lachen mit Mohammed“. Was für Knallkorken wird Effendi Özdemir wohl erst loslassen, wenn es uns hier in Mitteleuropa mal erwischt und nur Christen und Juden dabei draufgehen?
Aber um beim „Schweinderl“ zu bleiben: Ich kenne niemanden, der ernsthaft behaupten würde, daß zugewanderte Muslime etwas gegen volle Sparschweine haben.
Mein Friseur ist ein freundlicher Frommheinz aus dem Libanon, der jeden Freitag seinen Laden dicht macht, wenn er in die Moschee ein paar Straßen weiter geht. Was Themen wie „Integration“ und „Islam“ betrifft, hab ich zu seinen Worten inzwischen mehr Vertrauen als zum Geschwätz egal wie eingefärbter Politikfuzzis von heute oder von gestern oder von morgen auch noch. Deshalb gehe ich schon lange nicht mehr wählen. Die Haare lasse ich mir weiterhin schneiden.
Nehmen wir zum Beispiel den „Karikaturenstreit“: Durch meinen Friseur weiß ich, daß nicht die veräppelnde Darstellung Mohammeds provozierte, sondern der Prophet, „Friede sei auf ihm“, darf überhaupt nicht abgebildet werden. Da gibt es gar kein Vertun und auch keine Arbeitskreise in den Moscheen von wegen: „Gut, daß wir drüber gesprochen haben.“ Daß Muslime in Dänemark Fälschungen benutzt haben — Fotografien eines betenden Mohammedaners, der von einem Hund besprungen wird, und eines Kabarettisten mit Schweineohren, dessen Maskierung zur gezielten Blasphemie umgelogen wurde —, also, daß jener globale feindselige Flächenbrand gegen die Dänen von Mitbürgern aus ihrer eigenen Nachbarschaft durch Lügen und Betrügen angezündet wurde, damit hat mein Friseur kein Problem.
Für die gut bewachte politische Klasse im Regierungsviertel am Brandenburger Tor bedeutet es vermutlich auch nur Gemeinschaft mit Gleichgesinnten.
Für weniger gut bewachte kleine Leute mit Monatskarte, die in ganz, ganz seltenen nebensächlichen Einzelfällen auch schon mal in der Berliner U-Bahn von Einwanderer-“Kindern“ auf den Kopf getreten werden, ja, für unsereins hat dieser Islam, der gegenüber „ungläubigen“ Nachbarn hinterrücks seine Ziele mit Lügen und Betrügen verfolgt, ohne vorher überhaupt mal mit denen zu reden, doch etwas Bedrohliches. Und zwar sogar dann, wenn ich auf Voltairesche Toleranz schalte. Als Friedrich der Große verkündete, daß in Preußen „jeder nach seiner Façon selig werden“ könne, da wußte er, daß in allen Köpfen die Bergpredigt vorhanden war, auch bei Voltaire, der seine Ausbildung den Jesuiten zu verdanken hatte.
Vielleicht sollten wir von „Integrationsbeauftragten“ und deren Honorarkräften hinter ihren sieben Bergen von Flyern, Informationsbroschüren und ganzen Büchern auch mal über diesen Stand der Dinge in den Hinterzimmern der Moscheen aufgeklärt werden, wenn wir uns schon den Zuwanderern anpassen sollen wie gewünscht, damit die Damen und Herren in den Pack-schlägt-sich-Pack-verträgt-sich-Parlamenten und Stiftungsräten ihre Ruhe haben. Oder muß Dr. Sarrazin diesbezüglich alles allein machen?
Es ist kein Wunder, daß sein Parteiausschlußverfahren vom SPD-Bezirk Wilmersdorf angeschoben wurde. Denen ist der muslimisch besetzte Sektor Berlins genauso weit weg wie Mekka, obwohl sie hier sogar das Gelände betreten und die Lage peilen dürfen im Gegensatz zu dort. Es gibt übrigens im zahlen- und arbeitslosenmäßig größten Bezirk der Hauptstadt auch noch andere Neuköllndeutsche als Herrn Buschkowsky, das wahrsagende Feigenblatt. Als die Lehrerinnen und Lehrer der Rütlischule ihren Brandbrief schrieben, folgte keine Debatte, sondern Schulsenator Böger (SPD) gab die gleiche Order aus, wie sie nach dem zweiten Jahr des Ersten Weltkrieges für alle Deutschen galt: „Maul halten, Aushalten, Durchhalten.“
Auch kein Wunder ist, daß jene guten und menschlichen GenossInnen aus der besseren Gegend Wilmersdorf mit dem Parteiausschluß Sarrazins nicht durchgekommen sind. Anscheinend wollen viele Sozialdemokraten doch ein bißchen Volkspartei bleiben.
Trotz alledem bin ich froh, daß ich hier lebe und kein dänischer Karikaturist bin, denn ein Argument, das mir persönlich viel zu oft benutzt wird, um die Debatte abzuschließen, heißt: Mord. Wer’s nicht glaubt, der kann sich an die Neuköllnerin Hatun Sürücü wenden oder den Filmregisseur Theo van Gogh. Für beide ist die Grundsatzdiskussion über den Unterschied zwischen Islam und Islamismus erfolgreich durch Einwirkung von außen beendet worden.
Hatun Sürücü wurde von ihrem jüngsten Bruder mittels „Ehrenmord“ beseitigt, weil sie leben wollte wie eine Deutsche. Wenn auf Integration in gewissen muslimischen Kreisen die Todesstrafe steht, dann sind tatsächlich alle Integrationsprobleme damit so weit weg vom Tisch gefegt, wie es Cem Özdemir in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung behauptet hat. „Integration“ klingt wie ein Mantra aus der großen „Worte-statt-Taten-und-vor-allen-Dingen-mehr-Taschengeld!“-Trickkiste. Es bedeutet alles und gar nichts. Vom Genitivus objektivus oder subjektivus, nämlich wer da wen integrieren darf, muß und soll, davon wollen wir lieber gar nicht erst anfangen.
Daß Hatuns „Ehrenmörder“ und sämtliche Selbstmordattentäter und Al-Quaida-Terroristen, deren Opfer uns täglich neu in den Nachrichten vorgezählt werden, daß diese Verbrecher keine „richtigen“ Muslime sind, sondern nur arme Irre, die den Koran falsch verstanden haben, diese Gebetsmühlenparole hat in unserem Kulturkreis ja wohl jeder inzwischen hinreichend eingebleut gekriegt. Falls trotzdem noch Nachholbedarf besteht, lohnt sich ein Gang mit Rucksack zur nächsten Landeszentrale für politische Bildung. Die Hefte, Schwarten und Scharteken dort sind so dermaßen langweilig geworden, daß jederzeit mehr als genug Exemplare vorrätig sind und Ludwig Reiners sich im Grabe umdrehen würde, müßte er das alles lesen.
Falls Sie nichts gegen Antiquariate haben, kann ich Ihnen noch „Ich bin Inländer. Ein anatolischer Schwabe im Bundestag“ von Cem Özdemir als preiswerte Urlaubslektüre zum Thema empfehlen. Leute, die schon drin gelesen haben, verticken das Buch bei Amazon für einen Cent. Da heißt es aufgepaßt und zugefaßt, denn billiger wird’s nicht.
Zum Schluß möchte ich den Blick auf Otto von Bismarck lenken, weil er mit den Sozialversicherungen als Vater der Zuwanderung gelten kann. „Geben Sie dem Arbeiter das Recht auf Arbeit und geben Sie ihm Arbeit, solange er gesund ist“, verlangte Bismarck vom Reichstag, „sichern Sie ihm Pflege, wenn er krank ist, sichern Sie ihm Versorgung, wenn er alt ist.“ Er forderte nicht nur, sondern ließ seinen Worten eigenes Tun folgen und schuf den ersten Sozialstaat der Geschichte. Es gibt kein Patent darauf und kein Copyright. Dieses Modell darf von allen Völkern in allen Ländern, auch in muslimischen, ruhig benutzt und nachgemacht werden. Wir selbst aber werden unser schönes Modell Deutschland nicht preisgeben, sondern getrost verteidigen, und zwar nicht nur am Hindukusch, sondern auch vor unserer Haustür.
herbert_f_witzel@web.de
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